Repertoire

Die Stralsunder Motettenhandschrift von 1585
XXIIII Cantiones von Eucharius Hoffmann

 

Die Stralsunder Motettenhandschrift von 1585

Es handelt sich bei der Stralsunder Motettenhandschrift von 1585 um eine Sammlung von sakralen Motetten, die im Stadtarchiv Stralsund archiviert ist. Von den vermutlich sechs Stimmbüchern sind nur vier noch erhalten: Altus, Tenoris, Sexta Vox und Basis.

Auf der inneren Umschlagseite eines jeden Stimmbuchs findet sich ein Eintrag aus dem Jahr 1585. Hierbei handelt es sich entweder um eine Signatur des Schreibers, der die Sammlung angelegte bzw. des historischen Eigentümers oder aber es ist eine Widmung. Bisher sind keine Angaben zu der genannten Person bekannt.archiv
Die Stralsunder Motettenhandschrift umfasst 105
Werke, die vorwiegend fünf und sechsstimmig komponiert wurden. Es sind verschiedene Komponisten-generationen des ausgehenden 15. Jahrhunderts bis zum Ende des 16. Jahrhunderts vertreten und somit sind sowohl vorreformatorische Werke als auch nachreformatorische überliefert. Die Stilvielfalt ist beeindruckend und reicht von frühen frankoflämischen Werken über italienische zu
mitteldeutschen.

In der Handschrift sind Motetten von Komponisten mit weitreichender Bedeutung für die Geschichte des Abendlandes enthalten: Josquin Desprez, Heinrich Isaac, Clemens non Papa, Ludwig Senfl, Johann Walter und Leonard Lechner.
Zu den Komponisten mit regionalem Bezug, die nahezu in Vergessenheit geraten sind, gehören Eucharius Hoffmann und Francisco de Rivulo. Weiter sind mit Werken vertreten u.a.: Giovanni Animuccio, Jacobus Arcaldet, Johannes Continus,  Ghisilin Danckert, Arnoldus Feijs, Cristóbal de Morales, Leonhard Paminger, Dominicus Phinot, Antonio Scandello, Paul Schelle, Leonhart Schröter, Thomas Stoltzer,  Philippe Verdelot, Giaches de Wert und anonyme Meister.

Die Gebrauchsspuren der Stimmbücher sind minimal. Diese Tatsache lässt vermuten, dass die Sammlung eher als Nachschlagewerk, weniger als  Aufführungsmaterial diente. Andererseits sind an manchen Stellen kleine aufführungspraktische Einzeichnungen vermerkt, zum Beispiel Zahlen über langen Pausenabschnitten, die ein Mitzählen des Sängers vereinfachten. Nebenstehendes Beispiel stammt aus dem Stimmbuch des Tenors, S.18, Ludwig Senfl, Ave Maria – c.f. Stimme, Ausschnitt:
Die Notenschrift ist sehr gut lesbar. Die Zuordnung der Wörter zu den musikalischen Phrasen ist allerdings an vielen Stellen nicht eindeutig und scheint oft eher am freien Platz unter den Noten orientiert zu sein als dass sich um eine wirklich musikalische Zuordnung bemüht wurde. So liegt die Vermutung nahe, dass die Texte unter Umständen nicht vom Notenschreiber sondern einem weiteren Textschreiber aufgezeichnet worden sind. Es sind sämtliche Motetten in den vier Stimmbüchern textiert.

Bis auf wenige Ausnahmen sind die Motetten lateinisch verfasst. Deutschsprachig sind nur zehn Werke. Zwei weitere Kompositionen sind sowohl deutsch als auch lateinisch textiert, so beispielsweise die humorvolle und liedhafte Vertonung vom Lukasevangelium „Exiit editum“ von Leonhard Paminger.
sexta<br />
vox
Neben allgemeinen Psalm-Vertonungen gibt es textlich Bezüge zu Festen des Kirchenjahres: Adventssonntage, Weihnachten, Dreikönigstag, Maria Lichtmess, Passionszeit, Ostern, Himmelfahrt, Pfingsten, Maria Himmelfahrt und Festen von Heiligen. Bei der Anordung der Motetten ist jedoch weder eine liturgische Reihenfolge zu erkennen noch eine konsequente Ordnung nach Komponisten.

Die Handschrift wird von der schola stralsundensis nach vorangegangenen Recherchearbeiten und Vergleichen zu anderen historischen Quellen des 16. Jahrhunderts nach und nach komplettiert und musikalisch aufgeführt.

XXIIII Cantiones von Eucharius Hoffmann

Eucharius Hoffmann wurde um 1540 in Heldburg geboren und verstarb 48 Jahre später am 10.5.1588 in Stralsund.
Die Geburtsstadt Heldburg von Eucharius Hoffmann liegt im Süden Thüringens, einem Gebiet, das in das fränkische Gebiet hineinragt. Auf diese Herkunft deutet sein Beiname „Francus Heltburgensis” oder einfach der Zusatz „Franco” hinter seinem Namen hin.

Zu dem Lebensweg des Eucharius Hoffmanns sind nicht viele Daten überliefert. Gesichert ist, dass er in den 1560er Jahren nach Stralsund kam, einer in dieser Zeit noch sehr bedeutenden Hansestadt im Norden Deutschlands. Im Vorwort zu seinem Traktat Musicae Practicae praecepta von 1571 erwähnt Hoffmann, dass er bereits seit acht Jahren der Scholae Stralsundensis als Kantor  vorstand. Diese Schule wurde Anfang des 16.Jahrhunderts im Dominikanerkloster gegründet. 1582 übernahm Hoffmann das Amt des Konrektors. Wenige Jahre später bewarb er sich um das Predigeramt an St. Marien und hielt am 28.April 1588 seine Antrittspredigt. Am 10. Mai des selbigen Jahres verschied er jedoch.

Es sind kaum Angaben zu Hoffmanns Ausbildung und seinem künstlerischen Werdegang vor der Stralsunder Zeit bekannt. Neuere Informationen werden demnächst von Frau Beate Bugenhagen in ihrer Dissertation über die Geschichte des Stralsunder Musiklebens der Hansezeit veröffentlicht.
Der kompositorische Stil der XXIIII Cantionen lässt vermuten, dass Hoffmann von italienischen Musikströmungen beeinflusst wurde. Einflussreicher als sein kompositorisches Schaffen wurden Hoffmanns musiktheoretische Veröffentlichungen:

– Musicae Practicae praecepta, Wittenberg 1572
– Doctrina de tonis seu modis musicis, Greifswald 1582
– Brevis synopsis de modis seu tonis musicis, ex libello E. Hofmanni desumpta, Rostock 1605 (Auszug aus der Doctrina de tonis).

In der  Doctrina de tonis nimmt Hoffmann musiktheoretisch Bezug auf die 12 Modi  von H. Glarean. In den XXIIII Cantionen gibt er mit zwei mal zwölf Modi musikalische Beispiele. Jedem Modus wird systematisch eine Motette bzw Cantione in Scala dura und in Scala molli gewidmet. Der sakrale Text ist lateinisch oder deutsch verfasst.
Die XXIIII Cantionen von Eucharius Hoffmann wurden 2008 von Antonie Schlegel in Zusammenarbeit mit Maurice van Lieshout neu editiert und sind in Partitur und Stimmauszügen erhältlich. Nach Wunsch sowohl in historischer als auch in moderner Beschlüsselung. Bei näherem Interesse wird gebeten, Fragen an die angegebene Kontaktadresse zu stellen.